Manufakt 8804 Wädenswil
26. Juli 2021

Neue Generation von Gewerbe- und Industriebauten

Text: Frank Joss Bilder: zvg

Steiner macht sich schon seit einigen Jahren Gedanken darüber, wie bei der Gestaltung von Arbeitsräumen der Sinn für Gemeinsamkeit gefördert werden und wie man innovative Gewerbe- und Industriebetriebe in die Stadt zurückholen kann. Entstanden ist dabei das Projekt Manufakt 8048 in Zürich Altstetten. Ein Projekt, das Räume für Unternehmen aus der Informations- und Cleantechnologie, der Forschung und dem produzierenden Gewerbe zusammenführt.

 
 
Wie es gelingen kann, aus Architektur eine Marke zu machen

Wir haben mit Othmar Ulrich, Head Real Estate Development, Region East und Peter Herzog, Head Real Estate Development Team Zürich, einen Blick auf das bereits bestehende Manufakt in Altstetten geworfen, um mehr darüber zu erfahren, welche Chancen sie für das zukünftige Manufakt-Projekt in Wädenswil sehen.

 
 
Frank Joss: Welche Klangfarbe hat der Name Manufakt? Stark genug, um daraus eine Marke zu machen?

Peter Herzog: Manufakt macht eine assoziative Aussage, angelehnt an den Begriff Manufaktur. Sie war ein wesentliches Kennzeichen der Produktionsweise im 18. und 19. Jahrhundert. Heute sind es meistens Betriebe, die mit der Bezeichnung  Manufaktur sagen wollen, dass ihre Produkte noch von Hand hergestellt und sehr hochwertig sind. Es ist eine Art Hommage ans Handwerk. Für uns steht Manufakt für qualitatives Handwerk der Zukunft, für die Industrie 4.0, die Digitalisierung der industriellen Produktion, für innovative und wertschöpfungsstarke Branchen im Gewerbesektor. Und wir schaffen mit der Postleitzahl im Namen, also Manufakt 8048, eine Verbindung zum Standort des Gebäudes.

Othmar Ulrich: Ich bin der Überzeugung, dass der Begriff Manufakt sehr gut gewählt ist: Er steht weder nur für Büro oder Gewerbe noch allein für Fabrikation. Manufakt kann mit Blick auf die historische Bedeutung sehr viel darstellen. Die Inhalte werden nach und nach durch jene Unternehmen und deren Esprit geschaffen, die als Mieter einziehen werden.

Von wem kam der Namensvorschlag?

Othmar Ulrich: Der Name und die Kombination mit der Postleitzahl des jeweiligen Standorts wurde von Steiner in Zusammenarbeit mit einer externen Agentur für unser Projekt in Altstetten entwickelt. In einer zweiten Phase wurden dann das aktuelle Logo und die Brand Identity als Teil des Whitebook Manufakts gefestigt.

Sind Sie überzeugt davon, aus einer Architektur, einem Gebäude eine Marke zu machen? In Umkehrung geht das wohl sehr gut. Ich denke da an die BMW-Welt in München. Da haben die Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au eine futuristische Architektur geschaffen, die perfekt zum angestrebten Image der Automarke passt. Aber via Architektur

 

gelingt es nur aussergewöhnlichen Erscheinungsformen, wie zum Beispiel dem Guggenheim Museum von Bilbao, ein weitreichendes Branding hinzubekommen.

Othmar Ulrich: Klar, allein über das Gebäude als solches wäre es wohl kaum denkbar, eine Marke zu entwickeln, welche für die breite Öffentlichkeit wahrnehmbar ist. Es liegt eher am Versprechen, das wir mit dem Produkt Manufakt abgeben. Wir bieten der Industrie und dem Gewerbe eine Umgebung, die den Mietern die Möglichkeit gibt, ihr Netzwerk weiter auszubauen. Wir stellen uns vor, dass die Gebäude mit einer Choreographie bespielt werden. Es könnte eine Stelle geschaffen werden, die dafür zuständig ist, den Austausch unter den Mieter systematisch zu fördern. In Zukunft werden durch die an unterschiedlichen Orten entstehenden Manufakte auch zwischen diesen Standorten Synergien entstehen.

Peter Herzog: Es wäre wohl vermessen, eine Marke nur über die Architektur heranbilden zu wollen. In erster Linie muss es uns gelingen, den Firmen, die sich hier ansiedeln, Zuversicht zu geben, dass der Nutzen der gemieteten Räumlichkeiten weit über die Anzahl Quadratmeter oder die Infrastruktur hinausgeht. Ich denke da beispielsweise an die Shared Spaces wie Sitzungszimmer, einen gemeinsamen Empfang, Treffpunkte im Gebäude oder Verpflegungsmöglichkeiten. Denkbar ist auch eine Plattform, die es einem Unternehmen ermöglicht, anderen Mietern ihre Produktion oder Erzeugnisse zu präsentieren und sich auszutauschen. Und dann gibt es das Atrium mit den gemeinsamen Erschliessungsflächen auf Laubengängen, wo man sich bei ungezwungenen Zusammentreffen austauschen kann. Die Architektur ist bewusst einfach und klar. Der Ausdruck kann sich äusserlich von Ort zu Ort auch unterscheiden. Was sie jedoch immer sein wird: modular und vor allem im Innenausbau wandelbar. Die Räume verändern sich parallel zum Wachstum eines Unternehmens. Die Räume halten Schritt mit den Bedürfnissen ihrer Benutzer.

 
 

Damit Manufakt in der Konzeption, Planung und Kommunikation einheitlich interpretiert und verstanden wird, hat Steiner ein Whitebook entwickelt, das seinem Wesen gerecht wird, in dem die Grundlagen der architektonischen und inhaltlichen Erscheinungsform sehr detailliert determiniert sind. Das Whitebook ist in Kapitel und Module eingeteilt: Kuratierte Vernetzung, Identität, Strategie und Struktur, Markenwelt, Inspiration im Raum, Kommunikation, Architektur und Shared Spaces. Es ist ein kluges Instrument, das sich im Alltag und in der Handhabung nun bewähren muss. Welche ersten Erfahrungen haben Sie mit dem Whitebook gemacht?

Othmar Ulrich: Wir verstehen das Whitebook als ein offenes modulares Instrumentarium für die weitere Entwicklung und die Umsetzung unserer Ideen und nicht als Gebrauchsanweisung oder Rezept. Allein durch die unterschiedlichen Entwicklungsstandorte müssen Anpassungen gemacht werden. Ein Manufakt in einem urbanen Umfeld bedingt eine andere Herangehensweise und spricht andere Zielgruppen an, als die Entwicklung eines Standorts an einer peripheren oder ländlichen Lage. Durch die im Whitebook festgeschriebenen Grundgedanken kann es ähnlich einer Mustersprache eine gemeinsame Verbindlichkeit schaffen, welche die Charakteristik der entwickelten Standorte der Manufakt-Gebäude am Ende ausmacht. Das Credo dazu ist im Whitebook eingangs dargelegt. Ich zitiere sinngemäss: «Mit Manufakt werden modulare Gebäudekomplexe geschaffen für eine flexible Nutzung durch wertschöpfende, produzierende Branchen. Es ist die lokale Verankerung, die regionale und nationale Vernetzung, welche die Gebäude auszeichnen und begehrenswert machen. Das immer mit der Absicht, auf die Bedürfnisse der Mieter einfach und effizient einzugehen.»

 
 
Othmar Ulrich, Head Real Estate Development, Region East

«Wir bieten der Industrie und dem Gewerbe eine Umgebung, die den Mietern die Möglichkeit gibt, ihr Netzwerk weiter auszubauen.»

 
Braucht es eine Art Choreographen, um den verfolgten Zielen von Vernetzung, spontanen Business-to-Business-Inszenierungen oder Shared Spaces auch wirklich gerecht zu werden?

Peter Herzog: In der Anfangsphase der Entwicklung von Manufakt – der erste Standort in Zürich wird Ende 2021 an die Mieter übergeben – sehen wir noch keinen klassischen Choreographen, der für diese «Softfaktoren» Regie führt und die Mieter zusammenbringt. Wir gehen davon aus, dass sich der Austausch der Mieter untereinander durch die Gebäudestruktur mit den offenen Erschliessungsflächen im Atrium auf natürliche Weise entwickeln wird. Durch die Ausrichtung des Gebäudes und die gezielte Vermarktung an Firmen aus verwandten Branchen, die wir als Mieter gewinnen konnten, wird dieser Austausch erst ermöglicht und gefördert. Diese Mieter kommen teilweise aus dem nahen Technopark, kennen sich und bringen diese Erfahrung bereits aus ihrem vormaligen Umfeld mit. Unser Schwerpunkt liegt im Moment in der Vernetzung der zukünftigen Standorte untereinander, um daraus eine Wertschöpfung für die Mieter, aber auch für die Investoren und Grundeigentümer der Standorte zu realisieren.

Welchen Zeitraum braucht es Ihrer Meinung nach, um eine veritable Marke zu bewirken, damit es nicht allein beim einheitlichen Logo bleibt? 

Othmar Ulrich: Das ist eine interessante Frage. Entscheidend ist die Anzahl Manufakt-Gebäude, die wir in den kommenden Jahren verwirklichen können. Gegenwärtig ist das erste Manufakt in Zürich Altstetten im Rohbau fertig und zwei weitere Standorte sind in der Phase der Entwicklung. Bei weiteren Standorten stehen wir kurz vor Abschluss der Akquisition. Je besser es uns gelingt, die Idee hinter Manufakt umzusetzen und zu festigen, damit ein grösserer Kreis von Firmen und Investoren versteht, was hinter dem Produkt Manufakt steht, desto eher wird aus dem Namen eine Marke. Für jeden Standort entwickeln wir mit einer präzisen Marktbeobachtung eine Strategie, welche Zielgruppen wir ansprechen wollen. In Zürich Altstetten, im Manufakt 8048, haben wir gezielt die Cleantech-Branche angesprochen und konnten so vor Fertigstellung des Gebäudes bereits über 70% der Flächen vermieten. In Wädenswil und Winterthur, unseren nächsten Standorten, erarbeiten wir mit externen Partnern eine genau auf den jeweiligen Standort ausgerichtete Vermarktungsstrategie, die auch Auswirkungen auf die Planung, die Architektur und die Angebote im Manufakt haben wird. Die zukünftigen Mieter werden sich dann mit dem Projekt identifizieren und die Grundidee von Manufakt positiv gegen aussen tragen. Diese Mieter, aber auch die Investoren der Gebäude, werden die eigentlichen Botschafter der Marke Manufakt sein.

 
 
 
Peter Herzog, Head Real Estate Development Team Zürich

«Die Räume verändern sich parallel zum Wachstum eines Unternehmens. Die Räume halten Schritt mit den Bedürfnissen ihrer Benutzer.»

 
Gibt es eigentlich einen sogenannten USP, Unique Selling Proposition; oder allenfalls bereits einen Claim?

Peter Herzog: Ein einziger USP würde wohl bei der Komplexität des Produkts zu kurz greifen. Was wir aber bereits heute auf der Suche nach neuen Standorten feststellen: Bei Gemeinden und Behörden stossen wir mit der Idee auf ein reges Interesse. Hier können wir aufzeigen, dass wir bereits in einer frühen Planungsphase eine schlüssige Projektdefinition erarbeitet haben. Wir entwickeln eine Idee und nicht beliebige Gewerbe- oder Büroflächen. Gleichzeitig können wir anhand eines ersten umgesetzten Projekts in Zürich eine Referenz vorweisen, um unsere Ideen verständlich zu machen. Gleiches gilt für die Suche nach neuen Mietern und Investoren. Auch hier haben wir mit dem Whitebook und der Marke Manufakt gute Instrumente zur Hand, um ein erstes Interesse zu wecken. Ein USP ist sicher das Angebot von Shared Spaces im Manufakt. Die Mieter haben hier die Möglichkeit, Räume und Angebote ausserhalb ihrer eigentlichen Mietfläche zu nutzen. Gemeinsame Meetingräume, temporäre Arbeitsplätze, Begegnungszonen, ein digitaler Front Desk für alle Mieter, oder auch Verpflegungsangebote stehen hier zur Verfügung.

Bevor über die baulichen Faktoren des Gebäudes diskutiert wird, sind es diese Soft Skills, die über das haptische Bauen hinausgehen. Es sind diese Inhalte, die prominent und zentral im Whitebook formuliert sind. Sie sind die Treiber für die Entwicklung eines Projekts. Auch werden wir in Zukunft mit verschiedenen Architekten für die Entwicklung neuer Standorte zusammenarbeiten. Daraus wird sich automatisch eine Vielfalt im architektonischen Ausdruck der Standorte ergeben. Manufakt wird sich über Inhalte und gemeinsame Elemente der Erscheinung und Vermittlung definieren.

 

Angenommen, ich stehe in Altstetten oder Wädenswil vor einem Manufakt. Kann ich aus der Erscheinungsform der Architektur ablesen, dass im Inneren des Gebäudes die Arbeit an der Zukunft der eigentliche Ankermieter ist? Oder anders formuliert: Welche äusserlichen Formen assoziiere ich mit Zukunft, mit Andersartigkeit, mit dem Engagement für den Wandel?

Othmar Ulrich: Es ist nicht unsere Absicht, eine Ikone wie das Guggenheim Museum in Bilbao zu schaffen. Die transparente Bauweise und die verglasten und in grosser Geste angelegten Innenhöfe sollen von Möglichkeiten der Begegnung und Vernetzung und von der Nähe der Mieter erzählen. Mit den Shared Spaces setzen wir ein unmissverständliches Zeichen dafür, was Manufakt leisten kann: Menschen zusammenzubringen, die über den Horizont ihrer Arbeit hinausdenken. Mieter anzusprechen, die viel Wert darauf legen, die Innovationen und Inspirationen anderer kennenzulernen und sich auszutauschen.

Gibt es eine Art Ombudsmann, der die Entwicklung des Manufakts mit Argusaugen verfolgt? Also einer, der schaut, den Whitebookschen Vorgaben gerecht zu werden und der allenfalls auch korrigierend eingreift, wenn die Idee Manufakt alsdann zu verwässern droht?

Othmar Ulrich: Im Moment sind wir ja in eine Terra incognita eingetreten. Das meint in eine Welt, in welcher wir nicht schlüssig voraussehen können, was sie uns bringen wird. Wir engagieren uns in dieser Welt, ohne genau zu wissen, wie sie sich dreht. Doch wir sind davon überzeugt, mit Manufakt ein Produkt entwickelt zu haben und zum Ausdruck zu bringen, dass wir die Zeichen der Zeit verstanden haben.

Das lassen wir so stehen und schliessen das Interview mit John Friedmann, einem der bedeutendsten Raumplaner unserer Zeit: «Ich plädiere für einen urbanen Raum, der offen ist für das Unerwartete: als Erinnerung an die Zukunft». So gesehen hat das Whitebook auch etwas Avantgardistisches, indem Steiner beim Manufakt bereits daran arbeitet, sich mit dem Unvorhergesehenen zu verbünden: mit Lust und Leidenschaft.

 

Erfahren Sie mehr über das Projekt Manufakt in Wädenswil unter www.manufakt8804.ch.

 
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