Innovationsmeile Obermeilen
17. September 2020

Zwischennutzung

Text: Frank Joss & Larissa Groff Bilder: zvg

Ein Elektroauto, eine Metallwerkstatt, ein Trainingsclub und viel Glühwein: Die Zwischennutzung der Räumlichkeiten in Obermeilen ist genauso vielseitig wie ihre Bewohner. Die Innovation in der Innovationsmeile wird gelebt und nicht gepredigt. Nicht nur vom Pfarrer – der sich hier mit einer Metallwerkstatt seinen Traum verwirklicht hat – auch Wim Ouboter, der Entwickler des Elektroautos Microlino, lebt seinen Erfindergeist in einer modernen Loft in der Innovationsmeile aus. Gleich nebenan produziert Hans Kunz Glühwein und Gin – laut dem Tages-Anzeiger den besten im Kanton Zürich. Hinter den Türen der ehemaligen Getränkefabrik werden hingegen schon lange keine Getränke mehr hergestellt: Dort trainiert die Crossfit-Community im erfolgreichen Trainingsclub «Pyrgos».

 
 
Microlino – die Mobilität von morgen

Von aussen macht das Brand House von Microlino einen unscheinbaren Eindruck. Nichts deutet auf die moderne Loft hin, die sich hinter dem roten, rostbefallenen Tor verbirgt. Doch sobald man sie betritt, umgibt einem eine Aura der Kreativität, die man beinahe mit den Händen greifen kann. Doch ist die Welt bereit für so viel Innovation?

Wer sich zu Fuss vom Bahnhof Meilen zum Brand House des elektrobetriebenen Microlino an der Landstrasse 139 aufmacht, passiert eine Yamaha-Garage, einen BMW- und einen Mini-Cooper-Händler. In der blauen Zone steht ein Porsche, daneben heult der Motor eines Ferraris, ein Mann zieht sich seine schwarzen Lederhandschuhe über, bevor er sich auf seine Harley-Davidson schwingt. Dennoch, die Nachfrage nach dem schnuckligen Elektroauto steigt stetig. Auch die rund 23’000 Abonnenten, die @microlino_official auf Instagram folgen, scheinen vom Erfolg des praktischen Kleinwagens überzeugt zu sein. Die Denkweise der Gesellschaft verändere sich, ist Wim Ouboter, Erfinder des Elektroautos, überzeugt. Umweltbewusst und praktisch laute die Devise: «Grosse SUVs haben heutzutage in der Stadt nichts zu suchen.» Der Rest der Welt scheint seine Meinung zu teilen: Vom renommierten Magazin «Fast Company» wurde das Familienunternehmen in diesem Jahr auf Platz fünf der innovativsten Unternehmen in der Kategorie «Europa» gewählt. Doch nicht immer erntete Ouboter so viel Anerkennung für seine Ideen: Als er 1999 den modernen Tretroller Micro – den Vorreiter des Microlino und des dreirädrigen Rollers Microletta – entwickelte, reagierte sein Umfeld kritisch: «Ein Trotti für Erwachsene? Ist das dein Ernst?!» Der Tretroller landete in einer Kellerecke. Die Zeit sei eben noch nicht reif gewesen für Micro Mobility, meint der Gründer achselzuckend. Glücklicherweise scherten sich die Nachbarskinder herzlich wenig um gesellschaftliche Trends: Schon bald standen sie Schlange vor dem Keller der Familie Ouboter, um auf dem «Trotti für Erwachsene» durch das Quartier zu flitzen. Die Vision wurde zur Realität und die Marke Micro war geboren – wenn auch auf einem etwas ungeahnten Weg.

 
 

 

 

 
Metallbauer, Pfarrer und Harley-Fahrer – oder von einer anderen Mischung possible.
 
 
 

«You weren’t born to just pay bills and die.» Derjenige, der das neckisch und mit lasziver Lockerheit ausspricht, ist David Rölli, Betreiber einer Metallwerkstatt. Er sitzt passend zum zitierten Leitgedanken auf seiner Harley und lächelt süffisant. Er erinnert damit auch an das Harley-Davidson‘sche Lippenbekenntnis der unbegrenzten Freiheit. Eine, die er auch gerne für sich in Anspruch nimmt. Mit dem Einmieten als Zwischennutzer in der leerstehenden alten Schweizer Getränkefabrik hat er sich für rund die nächsten drei Jahre einen kleinen Traum erfüllt. Der Raum ist hell, gross und mit Blick auf den See. Die Miete ist sehr bescheiden und für ihn das Allerbeste: Die Werkstatt ist kaum fünf Autominuten von seinem Zuhause entfernt. Hier geht er also seinem Metier als Metallbauer nach. Sein Angebot reicht von Metallbau- und Schlossereiarbeiten bis hin zu Reparaturen und Baudienstleistungen für Architekten und Bauleiter. Und nach diesem Prinzip betreibt er seine Arbeit: «Metall steht für Wertigkeit, Langlebigkeit und Qualität. Als Schweizer Metallbauer haben wir uns diesen Werten verpflichtet. Wir arbeiten mit diesem Material aus Leidenschaft.» Man nimmt ihm das so ab, wie er es formuliert. Man muss ihm ja glauben. Schliesslich hat er noch einen zweiten Beruf erlernt: Pfarrer.

 

Dann setzt er sich wieder auf seine Zweirad-Maschine und gibt uns noch einen Gedanken mit auf den Weg: «Das grösste Risiko, das man eingehen kann, ist, in seinem Leben kein Risiko einzugehen.»

 
Vom «terrain vague» zum erfolgreichen Trainingsclub

Vor traumhafter Kulisse mit Blick über den Zürichsee betreiben die vier Jungunternehmer Christoph Gäumann, Nikos Gitonidis, Patrick Stojkovic und Samy Demonti den äusserst erfolgreichen Crossfit-Trainingsclub «Pyrgos».

Hinter den Fassaden der ehemaligen Getränkefabrik, an denen noch die Schriftzüge vergangener Zeiten zu erkennen sind, ist wieder Leben eingezogen. Jeweils abends verwandeln sich die riesigen Industriehallen in einen Crossfit-Trainingsclub. Es wird gesprintet, gesprungen, geklettert und Gewichte gestemmt – und das in kürzester Zeit mit möglichst wenig Pausen – «Crossfit ist höchst effizient und Trainingseffekte stellen sich sehr schnell ein», sagt Mitinhaber Christoph. In gerade mal zwei Monaten haben die vier Macher neue Wände eingebaut, Böden verlegt und aus den leerstehenden Hallen ihren Crossfit-Club realisiert. «Wir mögen den Industrie-Charme der ehemaligen Getränkefabrik. Die weitläufigen, hohen Räumlichkeiten, die Stahlkonstruktionen und der spektakuläre Blick auf den Zürichsee haben es uns angetan.»

Das Konzept geht auf. Heute trainieren regelmässig über hundert Personen auf der 300 m2 grossen Fläche. «In der Zwischennutzung ist eine richtige Crossfit-Community herangewachsen, der Zusammenhalt ist sehr stark und wir sind sehr froh, können wir in dieser einmaligen Location trainieren!»

 
 

 

 

 
Von ungebremster Leidenschaft für Gin und Glühwein

Der beste Gin im Kanton Zürich wird von einem 74-Jährigen hergestellt: von Hans Kunz. Er gewann 2017 das Gin-Tasting, durchgeführt vom Tages-Anzeiger. Dabei hat der ehemalige Fachmann für Reprografie Hipster-Marken wie Turicum oder Nginious klar geschlagen. Noch bis vor kurzem produzierte er seinen «Rosy’s Gin» zu Hause, zusammen mit seiner Partnerin. Seit einigen Monaten ist er als Zwischennutzer ins brachliegende Areal der Schweizer SGO Liegenschaften AG eingezogen. Wenn man ihn da so hantieren sieht, kommt man schon ein wenig ins Staunen. Man denkt unweigerlich an Daniel Düsentrieb, denn da sind überall Schläuche zu sehen, die sich um eine verwinkelte Maschinerie winden: Labor und Labyrinth gleichermassen, in dem mundige Herrlichkeit fliesst. Übrigens war Hans Kunz nicht sonderlich davon überrascht, den Wettbewerb zu gewinnen: «Meine Frau, Bea Neururer, hat im Labor von Midor in Meilen für Sensoriker den besten Geschmack für bestimmte Esswaren ausgetüftelt. Sie hat viel zum Gin-Erfolg beigetragen.

 
 

Begonnen hat Kunz vor 17 Jahren, als er mit seiner damaligen Freundin auf den Markt fuhr und feststellte, wie gute Geschäfte jene machten, die Getränke verkauften. Alsbald war die Idee geboren, selber Glühwein herzustellen und am Winterthurer Weihnachtsmarkt unter die Leute zu bringen. Sein Rosy’s war bald mal ein kleines Objekt der Begierde. In Kunz’ Angebot findet man auch Bündner Röteli und einen eigens fabrizierten Wodka. Wenn man seiner Brandrede für den Glühwein, Gin oder Wodka gut zuhört, kommt man nicht umhin, speziell über den Glühwein mal anders zu denken, angelehnt ans süffige Schlusswort von Kunz: «Wenn im Wein die Wahrheit liegt, liegt im Glühwein wahrscheinlich die Erleuchtung.»



 
Hans Kunz

«Wenn im Wein die Wahrheit liegt, liegt im Glühwein wahrscheinlich die Erleuchtung.»

 
 
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